Psychometrische Datenmatrizen

Um die später folgenden Modellgleichungen der IRT zu verstehen, ist es wichtig, flüssig mit der allgemeinen Datenmatrix umgehen zu können. In den folgenden Aufgaben üben Sie, Einträge sowie Zeilen- und Spaltenvektoren der allgemeinen Datenmatrix formal zu beschreiben.

Sie haben in der Vorlesung die allgemeine Datenmatrix kennengelernt:

\[\begin{equation} \mathbf{U} = \begin{bmatrix} u_{11} & \dots & u_{1j} & \dots & u_{1m} \\ \vdots & \ddots & \vdots & \ddots & \vdots \\ u_{i1} & \dots & u_{ij} & \dots & u_{im} \\ \vdots & \ddots & \vdots & \ddots & \vdots \\ u_{n1} & \dots & u_{nj} & \dots & u_{nm} \end{bmatrix} \end{equation}\]

Suchen Sie Beispiele für Datenmatrizen, denen Sie im Bachelorstudium begegnet sind. Erklären Sie, wie Ihre Beispiel-Datenmatrix mit der oben abgebildeten allgemeinen Datenmatrix zusammenhängt.

Mögliches Beispiel: Fragebogendatensatz aus dem Empra.

In den Zeilen befanden sich \(n = 143\) Personen und in den Spalten befanden sich die \(m = 60\) Items des BFI-II. Aufgrund der Verwendung einer 5-Punkt Ratingskala, hatten die Einträge der Matrix jeweils einen der Werte \(0, 1, 2, 3, 4\).

Wofür stehen die Zeilen und Spalten der allgemeinen Datenmatrix bei testtheoretischen Anwendungen?

Zeilen: Personen

Spalten: Items

Wie viele Zeilen und Spalten hat die allgemeine Datenmatrix?

\(n\) Zeilen

\(m\) Spalten

Die Antwort 3 Zeilen und 3 Spalten ist nicht richtig.

Beschreiben Sie die folgenden Einträge der allgemeinen Datenmatrix symbolisch:

  • Den Matrizeintrag in Zeile \(4\) und Spalte \(8\)
  • Die Antwort von Person \(102\) auf Item \(16\)
  • Die Antwort der ersten Person auf das erste Item
  • Die Antwort der letzten Person auf das letzte Item
  • Die Antwort einer beliebigen Person auf das letzte Item
  • Die Antwort der letzten Person auf ein beliebiges Item
  • \(u_{48}\)

  • \(u_{102 \hspace{4pt} 16}\)

  • \(u_{11}\)

  • \(u_{nm}\)

  • \(u_{im}\)

  • \(u_{nj}\)

Statt einzelner Werte kann man auch ganze Zeilen oder Spalten der allgemeinen Datenmatrix extrahieren. Man nennt ganze Zeilen und Spalten der allgemeinen Datenmatrix auch Zeilen- und Spaltenvektoren. Beide Arten von Vektoren notieren wir mit kleinen fett gedruckten Buchstaben. \(\mathbf{u}_{.2}\) bezeichnet etwa die gesamte zweite Spalte der allgemeinen Datenmatrix. Mit dem Punkt vor der \(2\) macht man kenntlich, dass alle Zeilenelemente extrahiert werden sollen. Umgekehrt bezeichnet \(\mathbf{u}_{2.}\) die gesamte zweite Zeile der allgemeinen Datenmatrix.

Notieren Sie die folgenden Zeilen und Spaltenvektoren der allgemeinen Datenmatrix symbolisch:

  • Die erste Spalte der allgemeinen Datenmatrix
  • Die dritte Zeile der allgemeinen Datenmatrix
  • Eine beliebige Zeile der allgemeinen Datenmatrix
  • Die letzte Spalte der allgemeinen Datenmatrix
  • \(\mathbf{u}_{.1}\)

  • \(\mathbf{u}_{3.}\)

  • \(\mathbf{u}_{i.}\)

  • \(\mathbf{u}_{.m}\)

Als abschließenden Hinweis möchten wir noch anmerken, dass die Herangehensweise, Datenvektoren und Datenmatrizen fett zu schreiben sowie Indizes bei Zeilen- und Spaltenvektoren durch Punkte zu ersetzen, nicht die eine richtige Notation ist. Andere Autor:innen definieren Vektoren zum Beispiel grundsätzlich als Spaltenvektoren, z.B. \(x \in \mathbb{R}^n\). Nur durch Transposition würde dann aus \(x\) ein Zeilenvektor: \(x^T \in \mathbb{R}^{1 \times n}\).

Summenscores

Aus der Vorlesung kennen Sie eine beispielhafte Datenmatrix für einen Fähigkeitstest mit \(6\) Items. Die folgende Datenmatrix ist ebenfalls eine beispielhafte Datenmatrix für einen Fähigkeitstest mit \(6\) Items. Sie enthält lediglich andere Werte.

\[\begin{equation} \label{eq:databin} \textbf{U} = \begin{bmatrix} 1 & 1 & 1 & 1 & 1 & 1 \\ 1 & 1 & 1 & 0 & 1 & 0 \\ 0 & 1 & 1 & 1 & 1 & 1 \\ 1 & 0 & 0 & 0 & 1 & 1 \\ \end{bmatrix} \end{equation}\]

Der Summenscore wurde allgemein definiert als \(\sum_{j = 1}^{m} u_{ij} = r_{i}\)

Berechnen Sie \(r_3\)

\[ r_3 = \sum_{j=1}^{6} u_{3j} = u_{31} + u_{32} + u_{33} + u_{34} + u_{35} + u_{36} \]

\[ = 0 + 1 + 1 + 1 + 1 + 1 = 5 \]

\[ r_3 = 5 \]

Berechnen Sie die Scoreverteilung und stellen Sie diese tabellarisch dar.

\[\begin{array}{c|c} \text{Person } i & r_i = \sum_{j=1}^6 u_{ij} \\ \hline 1 & 1+1+1+1+1+1 = 6 \\ 2 & 1+1+1+0+1+0 = 4 \\ 3 & 0+1+1+1+1+1 = 5 \\ 4 & 1+0+0+0+1+1 = 3 \\ \end{array}\] \[\begin{array}{c|c|c|c} r_i & 3 & 4 & 5 & 6 \\ \hline \text{Häufigkeit} & 1 & 1 & 1 & 1 \\ \end{array}\]

Beurteilen Sie anhand der Scoreverteilung die Passung des Tests zur Stichprobe. Verwenden Sie einen der Begriffe aus der Vorlesung: Gleichmäßig, Deckeneffekt, Bodeneffekt

Gleichmäßig

Summenscores werden oft als Maß für die Fähigkeit oder Traitausprägung von Personen verwendet.

Wie wird diese Verrechnung in der Klassischen Testtheorie gerechtfertigt?

Es wird angenommen, dass sich die Varianz von Testantworten in einen Anteil wahrer Varianz und einen Anteil Fehlervarianz zerlegen lässt (Grundgleichung der KTT). In Verbindung mit der Annahme, dass der Erwartungswert der Fehlerverteilung Null beträgt folgt, dass der relative Einfluss des Fehlers sinkt, umso mehr Items miteinander durch Summierung der Testantworten verrechnet werden.

Finden Sie Argumente für und gegen die Verwendung von Summenscores in der diagnostischen Praxis.

Argumente für Summenscores:

  • Leichte Berechnung und in der Praxis weit verbreitet

  • Plausible Annahme, dass der unsystematische Fehler durch Aggregation asymptotisch gegen Null geht

  • Leicht nachvollziehbar, auch für Nicht-Psycholog:innen (z. B. bei juristischer Relevanz von Testergebnissen)

Argumente gegen Summenscores:

  • Alle Items werden gleichgewichtet, auch wenn es oft plausibel erscheint, dass sich Items in ihrem Beitrag zur Merkmalsmessung unterscheiden

  • Annahme konstanter Reliabilität entlang des Fähigkeitkontinuums

  • Keine Berücksichtung systematischen Fehlers

Die Argumente gegen Summenscores motivieren die Verwendung von IRT Modellen.